Das Smartphone ist immer dabei

Und ewig lockt das Smartphone. Ob in der Vorlesung, im Praktikum, in der Bib oder am Schreibtisch – das Handy liegt griffbereit, und der nächste Blick auf den Bildschirm ist nur einen Wimpernschlag entfernt. Ich habe vor ein paar Tagen entdeckt, dass ich auf meinem Smartphone die Anzahl meiner sog. “Pickups” nachschauen kann, also wie oft ich das Smartphone pro Tag in die Hand genommen und entsperrt habe.1 Ich habe mich echt gewundert und es erst nicht glauben wollen: mehr als 80 “Aktivierungen” pro Tag, JEDEN Tag. Schaut mal bei Euch nach …
Im Schnitt entsperren Studierende ihr Smartphone mehr als 60-mal am Tag (Rosen et al., 2018) (mindestens, man beachte das Alter der Studie). Zwischen 25 und 50 Prozent der Lernzeit verbringen sie mit gleichzeitiger Mediennutzung. Viele sind überzeugt, dass sie das Nebenbei-Scrollen problemlos hinbekommen. Doch stimmt das?
Die kognitive Psychologie hat darauf eine ziemlich eindeutige Antwort. Und die dürfte nicht allen gefallen.
Wer viel multitaskt, lernt schlechter
Die empirische Evidenz hat sich seit einer Pionierstudie von Ophir, Nass und Wagner im Jahr 2009 deutlich verdichtet. Die Forschungsgruppe verglich Menschen, die gewohnheitsmäßig viel Media Multitasking betreiben, mit solchen, die es selten tun. Das überraschende Ergebnis damals war, dass die Viel-Multitasker schlechter zwischen Aufgaben wechselten und anfälliger für Ablenkung durch irrelevante Reize waren (Ophir et al., 2009).
Seitdem haben zahlreiche Studien diesen Zusammenhang weiter untersucht. Eine Meta-Analyse von Kong und Kolleg*innen mit 43 Studien und 118 Effektstärken fand eine moderate negative Assoziation zwischen Media Multitasking und kognitiver Kontrolle. Besonders betroffen waren die Impulskontrolle und das Arbeitsgedächtnis (Kong et al., 2023). Eine andere Meta-Analyse von Wiradhany und Nieuwenstein fiel allerdings vorsichtiger aus und fand nur schwache Effekte, die nach Korrektur für Publikationsbias sogar vernachlässigbar werden könnten (Wiradhany & Nieuwenstein, 2017).
Bei Jugendlichen fanden Cain und Kolleg*innen, dass häufigeres Media Multitasking mit schlechteren Ergebnissen in standardisierten Mathematik- und Sprachtests zusammenhing und mit reduzierter Arbeitsgedächtniskapazität einherging (Cain et al., 2016). Martín-Perpiñá und Kolleg*innen bestätigten dieses Muster bei 977 spanischen Jugendlichen, die während der Hausaufgaben multitaskten (Martín-Perpiñá et al., 2019).
Der Flaschenhals im Kopf
Was wir als Multitasking erleben, ist in Wirklichkeit meistens task switching – ein schnelles Hin-und-Her-Springen zwischen verschiedenen Aufgaben. Unser Gehirn besitzt so etwas wie einen Flaschenhals für die Informationsverarbeitung. Wenn zwei Aufgaben gleichzeitig durch diesen Engpass wollen, muss eine von ihnen warten. Die Cognitive Load Theory beschreibt, dass unser Arbeitsgedächtnis begrenzt ist und dass zu viele gleichzeitige Anforderungen die Langzeitgedächtnisbildung beeinträchtigen (Dubrowski, 2015).
Jeder Aufgabenwechsel erzeugt sogenannte switch costs. Das Gehirn muss das alte mentale Aufgabenset abräumen und ein neues aufbauen. Auch wenn dieser Prozess nur Sekundenbruchteile dauert, summieren sich die Kosten über eine 90-minütige Vorlesung erheblich (Joshi et al., 2023). Eine aktuelle Studie, die mit optischer Hirnbildgebung die Aktivität des präfrontalen Kortex während des Multitaskings erfasste, zeigte sogar, dass das Gehirn unter solchen Bedingungen nicht etwa stärker arbeitet, sondern seine Verarbeitungstiefe herunterfährt – die Forschungsgruppe sprach von cognitive disengagement (Boere et al., 2024).
Instagram an, Gedächtnis aus?
Die vielleicht greifbarsten Ergebnisse liefern Studien, die Ablenkung im Moment des Lernens experimentell untersuchen. Spence und Kolleg*innen ließen Studierende eine Geschichte anhören, während eine Gruppe gleichzeitig durch ihren Instagram-Feed scrollte. Das Ergebnis war klar. Die Instagram-Gruppe erinnerte sich an deutlich weniger Inhalte (71,6 % richtig vs. 80,9 % in der Kontrollgruppe, p = 0,01). Wer Instagram erst nach dem Zuhören nutzte, schnitt dagegen ähnlich ab wie die Kontrollgruppe (Spence et al., 2020).
Die Enkodierungsphase – also der Moment, in dem neue Informationen ins Gedächtnis aufgenommen werden – ist besonders anfällig für Störungen. Marone und Kolleg*innen zeigten, dass Social-Media-Ablenkung während einer Pathophysiologie-Vorlesung die Quiz-Leistung um 30 % senkte. Allerdings betraf diese Verschlechterung nur visuell präsentierte Informationen. Auditiv dargebotene Inhalte blieben erstaunlicherweise unbeeinträchtigt (Marone et al., 2018). Das Gehirn gerät also vor allem dann in Schwierigkeiten, wenn Ablenkung und Lernmaterial denselben Sinneskanal beanspruchen.
Auch vermeintlich harmlose Handy-Notifications richten Schaden an. Schmidt und Kolleg*innen zeigten experimentell, dass simulierte Benachrichtigungen die Gedächtnisleistung verschlechterten – und zwar unabhängig davon, ob jemand ein großes Arbeitsgedächtnis besaß oder nicht (Schmidt et al., 2022). Niemand ist gegen den Störeffekt immun.
Aber halt – es gibt auch Gegenargumente
Die Befundlage ist nicht ganz so einseitig, wie es auf den ersten Blick scheint. Alzahabi und Kolleg*innen fanden, dass Viel-Multitasker sich schneller auf neue Aufgaben vorbereiten konnten und beim Aufgabenwechsel besser abschnitten, ohne an Genauigkeit einzubüßen (Alzahabi et al., 2017).
Besonders spannend ist die Unterscheidung zwischen akademisch relevantem und irrelevantem Multitasking. Fan und Kolleg*innen untersuchten 557 chinesische Studierende und fanden, dass aufgabenbezogenes Multitasking während des Online-Lernens mit besserer Selbstregulation, stärkerem Flow-Erleben und besseren Noten zusammenhing. Irrelevantes Multitasking hingegen – etwa Chatten während der Vorlesung – zeigte keinen solchen Zusammenhang (Fan et al., 2025). Der Kontext macht also den Unterschied.
Die Meta-Analysen berichten sogenannte Effektstärken (meist Cohens d oder Hedges g). Diese Maßzahl gibt an, um wie viele Standardabweichungen sich zwei Gruppen im Mittel unterscheiden. Ein Wert von d = 0,2 gilt als kleiner Effekt, d = 0,5 als mittlerer und d = 0,8 als großer Effekt.
Die wichtigsten Zahlen im Überblick:
- Kong et al. (3-Level-Meta-Analyse, 43 Studien, 118 ES): Media Multitasking und kognitive Kontrolle gesamt ES = −0,23; inhibitorische Kontrolle ES = −0,31; Arbeitsgedächtnis ES = −0,24 (Kong et al., 2023)
- Wiradhany & Nieuwenstein (Meta-Analyse, 39 ES): schwache Assoziation, nach Korrektur für Small-Study-Effekte nicht-signifikant (Wiradhany & Nieuwenstein, 2017)
- Spence et al. (RCT, n = 45): Kurzzeitgedächtnis 71,6 % vs. 80,9 %, p = 0,01 (Spence et al., 2020)
- Marone et al. (Experiment, n = 20): Quizleistung um 30 % gesenkt (nur visuelle Inhalte) (Marone et al., 2018)
Die Effekte liegen überwiegend im kleinen bis moderaten Bereich. Gleichzeitig ist zu beachten, dass ein Großteil der Primärstudien korrelativ ist – die Kausalrichtung bleibt damit offen.
Was wir (noch) nicht wissen
- Kausalität ungeklärt. Die Forschung hat bislang vor allem Korrelationen dokumentiert. Ob häufiges Media Multitasking die kognitive Kontrolle tatsächlich verschlechtert oder ob Personen mit ohnehin geringerer Aufmerksamkeitssteuerung einfach häufiger zum Smartphone greifen, lässt sich mit den hier beschriebenen Studiendesigns nicht abschließend beantworten (Uncapher & Wagner, 2018).
- Langzeitdaten fehlen. Es gibt kaum Studien, die das Multitasking-Verhalten über Monate oder Jahre verfolgen und mit Veränderungen in kognitiven Fähigkeiten verknüpfen.
- Interventionsstudien sind rar. Welche Strategien zur Reduktion schädlichen Multitaskings tatsächlich wirken, ist empirisch kaum belegt.
Fazit – Was Ihr mitnehmen könnt
Echtes Multitasking beim Lernen gibt es nicht. Was sich so anfühlt, ist schnelles Hin- und Herspringen zwischen Aufgaben, und jeder Sprung kostet kognitive Ressourcen.
Die Enkodierungsphase ist besonders verwundbar. Ablenkung während des Lernens schadet dem Gedächtnis deutlich stärker als Ablenkung davor oder danach.
Nicht jedes Multitasking ist gleich schädlich. Aufgabenbezogene Mediennutzung unterscheidet sich fundamental von irrelevantem Scrollen.
Niemand ist immun. Auch Menschen mit großem Arbeitsgedächtnis werden durch Handy-Notifications beim Lernen gestört.
Aktive Lernformate helfen. Studierende multitasken weniger, wenn sie aktiv eingebunden sind, statt passiv zuzuhören.
Das Smartphone in der Tasche lassen lohnt sich. Die Forschung spricht dafür, zumindest während konzentrierter Lernphasen die Benachrichtigungen stumm zu schalten. Gleiches gilt natürlich ggf. für den Rechner, an dem man arbeitet.
Transparenzhinweis:
- Interessenkonflikte: Keine angegeben.
- Finanzierung: Keine Angabe.
- KI-Nutzung: Claude Sonnet 4.6 (Anthropic) wurde ausschließlich zur sprachlichen Überarbeitung und zur Verbesserung der Verständlichkeit verwendet.
- Eigene Beteiligung: Der Autor war an keiner der zitierten Studien beteiligt. Der Autor ist in der medizinischen Ausbildungsforschung tätig und publiziert in PubMed-gelisteten Zeitschriften. Neuerdings versucht er sich auch an einem wissenschaftlichen Blog.
Referenzen
Fußnoten
Kann man beim iPhone über Einstellungen → Bildschirmzeit → “Alle App- & Website-Aktivität anzeigen” → dort findest Du den Bereich “Aktivierungen” (auf Englisch “Pickups”).
Dort wird angezeigt, wie oft Du das iPhone pro Tag in die Hand genommen und entsperrt hast, inklusive der ersten App, die Du danach geöffnet hast. Du kannst auch zwischen Tages- und Wochenansicht wechseln, um Trends zu sehen. Falls die Bildschirmzeit noch nicht aktiviert ist, musst Du sie einmalig einschalten – die Zählung beginnt dann ab dem Aktivierungszeitpunkt.↩︎
Wiederverwendung
Zitat
@misc{friederichs2026,
author = {Friederichs, Hendrik},
title = {Und ewig lockt das Smartphone},
date = {2026-04-23},
url = {https://medical-education.pages.ub.uni-bielefeld.de/research/mes-blog/posts/2026-04-23-multitasking/},
doi = {10.59350/208kd-1t630},
langid = {de}
}